Fotoschule
Tagebuch eines FotografenEins sein
Winter 1954. Oh Happy Day. Eine Straße. Ein Kinderwagen. Ein Baby. Sonne. Welch ein Genuss.
Ein richtiger Winter. Und keine Autos in der Nähe. Die Bedingungen, um später einmal Fotograf zu werden, waren prächtig. Meine Mutter befand sich in der Blütezeit ihrer Fotografie; jedes Bild von ihr aus der Familie und dem Dorf ist ein Kleinod.
Mein Vater hatte als Friseurmeister ein schönes Leitmotiv. Es hieß: „Lass Dir Zeit.“ In unmittelbarer Nachbarschaft befanden sich eine Tischlerei, eine Schmiede, eine Bäckerei und eine Imkerei. Warum ein kleines Dorf gleich drei florierende Gaststätten vertrug, ist eine andere Geschichte.
Selbst wenn die biografischen Bedingungen nicht in der Wiege gelegen haben mögen, gibt es immer wieder aufs Neue die Möglichkeit, sich positive Voraussetzungen zu kreieren, um fotografieren zu können. Fotografie ist sehr oberflächlich; und wenn Du in der Situation sehr oberflächlich bist, ist Deine Bildaussage flach. Es gilt also, beim Fotografieren vollkommen eins mit dem Leben zu sein. Je tiefer Du mit dem Leben verbunden bist, desto tiefer werden Deine Bilder.
Selbstbewusstsein
Meine erste Kamera war ein Weihnachtsgeschenk von meinem Bruder im Jahr 1967. Die Kamera war eine Kodak Instamatic; genau das Richtige für einen dreizehnjährigen Jungen. Ich brauchte keinen Film einzufädeln, sondern nur eine Kassette einlegen. Meine Kodak hatte zwei Einstellungen für normales, sonniges Wetter und eine für bewölkte Tage. Das reichte. Außerdem gab es einen Blitzschuh, den ich gerne mit einem kleinen Blitzwürfel bestückte.
Schon damals hatte ich ein fotografisches Selbstbewusstsein. Die Kamera half mir, die Welt zu entdecken. Gleichzeitig ahnte ich, dass meine Sicht der Welt einzigartig war. Sehr schnell begriff ich, dass es nicht auf die Kamera ankam, sondern auf den Menschen, der hinter der Kamera ist. Es kommt auf den Menschen an, denn es dreht sich immer um das Herz und die Gefühle. Eine einfache Kamera ist für den Einstieg in die Fotowelt genug, um dokumentieren, inszenieren und sich ausdrücken zu können.
Die fotografischen Möglichen, von denen ich mit vierzehn Jahren geträumt habe, sind heute Standards bei den kleinen und einfachen Digitalkameras. Das ist etwas, was ich an dieser Zeit mag. Schon für wenig Geld ist es möglich, die eigene Sicht der Welt festzuhalten und die eigenen Bilder weltweit zu verbreiten.






